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Ernährungsbedingte Krankheiten (III)
Krankheitsvorbeugung: Was können wir besser machen


Ausschnitt aus "Tod der Prokris" von Piero di Cosimo (um 1500)

Gesundheit ist ein "Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheiten und Gebrechen", stellt die Weltgesundheitsorganisation WHO fest. Diese - auf Menschen bezogenen - Worte lassen sich in ähnlicher Weise auch auf unsere Haustiere beziehen. Es kann also in erster Linie nicht darum gehen, für erkrankte Hunde eine möglichst optimale medizinische Behandlung zu suchen und durchzuführen (obwohl das auch wichtig ist). Sondern es muss die Gesundheit der Tiere gepflegt und vorbeugend erhalten werden. Das A und O der Gesundheitserhaltung ist aber die Ernährung.

Diese Auffassung muss als "neue Erkenntnis" angesehen werden, obwohl einer gesunden Ernährung auch in früheren Jahrhunderten und in anderen Kulturen schon gesundheitserhaltende und heilende Wirkungen zugesprochen wurden. Neu deswegen, weil im Jahrhundert der Impfungen, der Antibiotika, der technisch-naturwissenschaftlichen Medizin so einfache Möglichkeiten wie die menschen- oder tiergerechte Ernährung lange vergessen waren. Bevor über die Konsequenzen dieser alten-neuen Einsicht für die Ernährung des Hundes gesprochen wird, soll der moderne Krankheitsbegriff vorgestellt werden. Und zwar deswegen, weil er die Bedeutung der Ernährung für die Gesundheit auf vortreffliche Weise erhellt.

Was ist eigentlich Krankheit?

Der Energiebedarf des erwachsenen Hundes
aus: Bubenzer, R.H.: Ernährungsbedingte Erkrankungen des Deutschen Schäferhundes I. SV Zeitung, Augsburg: 2/1995

"Krankheit ist eine Störung im Ablauf der normalen Lebensvorgänge in Organen und Organsystemen. Hervorgerufen durch Reize, die zu einer - von der Norm abweichenden - Beeinträchtigung der körperlichen und/oder seelisch-geistigen Befindlichkeit oder zu wahrnehmbaren körperlichen Veränderungen führen. Im Extremfall auch zum Tode. Nach dem Verlauf von Krankheiten werden die akuten und die chronischen Krankheiten unterschieden".

An einem Beispiel aus der praktischen Tiermedizin soll diese Definition erläutert werden. Es ist heute bekannt, dass mehr als 30 Prozent aller Erkrankungen in der Tierarztpraxis direkt auf die Ernährung zurückzuführen sind. Eine der häufigsten Ursachen ist die Überversorgung der Hunde mit Energie (Überfütterung), der nachfolgenden Energiespeicherung (Übergewicht) und ihren gesundheitlichen Folgen (Zuckerkrankheit, Arterienverkalkung, Schäden am Bewegungsapparat).

1.) Normaler Lebensvorgang von Organen und Organsystemen: Für freilebende Tiere ist es normal, bei oft wechselndem Nahrungsangebot, ein Körpergewicht aufrechtzuerhalten, dass die Gesundheit, die Leistungs- und die Fortpflanzungsfähigkeit nicht einschränkt. Dauerhaft übergewichtige Tiere gibt es in der "freien Wildbahn" in aller Regel nicht.

2.) Störung: Eine Störung dieser normalen Verhältnisse ist eindeutig das Übergewicht, da es zahlreiche gesundheitliche Konsequenzen hat, die Leistungs- und Fortpflanzungsfähigkeit einschränkt sowie die Lebensdauer verkürzt.

3.) Störende Reize: Für die Entstehung sind im wesentlichen drei Reize (=Einflüsse) denkbar. Am seltensten kommen Erkrankungen des Stoffwechsels und Hormonsystems vor, die trotz normaler Nahrungsaufnahme zu einer übermäßigen Fetteinlagerung beim Hund führen. Häufiger ist schon die mangelnde körperliche Aktivität, die bei manchem Hund festzustellen ist; besonders in höherem Lebensalter. Die mit der Nahrung zugeführte Energiemenge wird nicht vollständig für Stoffwechselfunktionen und körperliche Aktivität verbraucht. Der Überschuss kann nicht ausgeschieden werden, sondern wird v.a. als Fett eingelagert. Die Energieaufnahme ist also relativ größer als der Energieverbrauch. Am häufigsten ist jedoch ein absolutes Überwiegen der Energieaufnahme gegenüber dem Verbrauch. Und zwar durch unangemessen hohe Futtermengen, die - mit und ohne körperliche Aktivität - zu Übergewicht führen.

4.) Von der Norm abweichende Beeinträchtigungen oder Veränderungen: Ein beginnendes Übergewicht macht zuerst kaum Probleme. Welpen sehen z.B. rund und gesund aus. Nimmt die Fetteinlagerung jedoch weiter zu, treten erste Beeinträchtigungen biologischer Funktionen und Möglichkeiten auf. Beispielsweise Einschränkungen der Leistungsfähigkeit oder gehäufte Infektionen. Ob ein betroffener Hund sich in seiner Haut wohl fühlt, kann er uns nicht direkt mitteilen. Sein "Spiegel der Gesundheit", sein Fell, kann dies aber sehr wohl. Es neigt dann z.B. zu Glanzlosigkeit und Mattigkeit, die Haare werden fettig oder leicht brüchig. Je länger der störende Reiz des Ungleichgewichts von aufgenommener und verbrauchter Energie weiter anhält, um so mehr vertiefen sich die Beeinträchtigungen: Die Funktionsstörungen wandeln sich zu Organschäden. Kann der Organismus des Hundes überschüssige Energie immer schlechter im Fettgewebe ablagern, wird er z.B. beginnen, auch in den Wänden der Blutgefäße Fett einzulagern. Hierdurch kommt ein Teufelskreis in Gang, Arterienverkalkung genannt, der zahlreiche weitere Erkrankungen nach sich zieht. Ein Organschaden, z.B. am Herz, kann schließlich auch zum Tode führen. Alle diese Veränderungen - Funktionsstörungen und erst recht Organschäden - sind bereits deutliche Abweichungen von der Norm. Gesunde, artgerecht ernährte, nicht übergewichtige Hunde haben all dies nicht.

Der Energiebedarf
aus: Bubenzer, R.H.: Energiebedarf und Deckung bei der Ernährung des Deutschen Schäferhundes - Die Nahrungskette beginnt bei der Sonne. SV Zeitung, Augsburg: 5/1992

5.) Akute und chronische Krankheiten: Übergewicht und seine Folgen ist eindeutig ein Beispiel für eine chronische Erkrankung. Sie entwickelt sich über Monate und Jahre, Beschwerden treten erst recht spät deutlich in Erscheinung. Andere ernährungsbedingte Störungen, z.B. ein Mangel an wasserlöslichen Vitaminen, treten sehr rasch, also akut in Erscheinung. Ein Mangel an Vitamin B6 in der Nahrung von Welpen kann z.B. zu einem plötzlichen, überraschenden Tod der Tiere führen.

Prävention: Der Versuch, Krankheiten gar nicht erst entstehen zu lassen

Dieses Beispiel zeigt nur einen, wenn auch wichtigen Ausschnitt der möglichen Folgen fehlerhafter Ernährung. Fast ebenso wichtig sind all jene Erkrankungen, die durch nicht artgerechte Ernährung zustande kommen. Z.B. durch überwiegende Fleischverfütterung, die Verwendung nicht auf die Ernährungsbedürfnisse zugeschnittener Nahrungen, die "Vergiftung" vieler Hunde durch unangebrachte Ergänzungspräparate oder ähnliches. Das Beispiel zeigt aber auch, was Prävention eigentlich bedeutet.

"Als Prävention werden alle vorbeugenden Maßnahmen zur Verhütung oder Früherkennung von Krankheiten durch Ausschaltung schädlicher Faktoren (primäre Prävention) oder durch die möglichst frühzeitige Behandlung einer Erkrankung (sekundäre Prävention) bezeichnet".

Im Zusammenhang mit der Ernährung soll an dieser Stelle nur die Verhütung von Krankheiten interessieren. Eine gesunde Ernährung, wie sie z.B. mit einer artgerecht nach wissenschaftlichen Empfehlungen bilanzierten Vollnahrung wie möglich ist, kann schädliche Faktoren (=Reize, s.o.) ausschalten. Und damit das Auftreten von Krankheiten verhindern. Die hohe Qualität einer solchen Vollnahrung erlaubt eine artgerechte Ernährung des Hundes, ohne dass bei sachgerechter Anwendung eine Mangel- oder Überversorgung mit Nährstoffen befürchtet werden muss. Ernährungsbedingte Erkrankungen, die durch den Mangel oder Überschuss einzelner Nährstoffe entstehen, kann erfolgreich vorgebeugt werden, hat also präventive Wirkungen. Allerdings: Denken wir an das Beispiel Übergewicht, sind die Hundehalter mit der Verwendung einer solchen Vollnahrung nicht aus der Pflicht. Beachten sie nämlich die Regeln der bedarfsgerechten Fütterung nicht, sondern füttern zuviel, kann es der gesundheitlichen Folge Übergewicht kommen. Neben der Qualität einer Vollnahrung ist also immer an die richtige Menge, also Quantität zu denken, die verfüttert wird.

alternative Möglichkeiten einer ausgewogenen Ernährung
aus: Bubenzer, R.H.: Ernährung des Leistungshundes. Effem, Verden, 1994

Soweit die schöne Theorie. Tierärzte machen immer wieder die quälende Erfahrung, dass bei der Ernährungsberatung bezüglich übergewichtiger oder ernährungsbedingt erkrankter Hunde große Widerstände auf Seiten der Hundehalter bestehen. Und: Viele Menschen mit übergewichtigen Hunden leiden selbst oft an Übergewicht. Hier gilt es, Hundehaltern ihre Verantwortung für ihre Tiere deutlich vor Augen zu halten. Liebe und Zuneigung zum Hund darf sich nicht in bedarfs- und leistungsunangepassten Futtermenge ausdrücken. Anders ausgedrückt: Was ein Mensch mit sich selbst anstellt, ist vielleicht allein seine Angelegenheit. Wenn es aber andere Lebewesen betrifft, gilt es, Fehlverhalten wie z.B. eklatante Ernährungsfehler auszuschalten. In Hinsicht auf die präventiven Wirkungen, die Erhaltung und Förderung der Leistungsfähigkeit eines Hundes oder die Erhöhung der Lebensdauer ist die Verwendung einer qualitativ hochwertigen Vollnahrung in den richtigen Quantitäten eine weitaus bessere Möglichkeit, Liebe, Zuneigung und Verantwortungsgefühl auszudrücken.

Energie: Erhaltungs- und Leistungsbedarf


In dieser und anderen Folgen wurde daraufhin gewiesen, dass der Energiebedarf eines Hundes entscheidende Größe bei der Bestimmung der angemessenen Futtermenge ist. Dieser Energiebedarf wird aufgeteilt in den a.) den Erhaltungsbedarf und b.) den Leistungsbedarf.

a.) Der Energie-Erhaltungsbedarf bestimmt sich durch alle grundlegenden Lebensfunktionen und die Grundaktivität des Hundes. Dieser Bedarf kann hinreichend genau mit Hilfe des Körpergewichtes bestimmt werden. Durchschnittlich hat z. B ein ausgewachsener Schäferhund von rund 35 Kilogramm Körpergewicht einen Energie-Erhaltungsbedarf an verdaulicher Energie von etwa 7,9 MJ am Tag. Dieser Bedarf liegt bei einem gleich schweren, älteren und etwas ruhiger gewordenen Hund mit 6,5 MJ verdaulicher Energie/Tag etwas niedriger. In diese Angaben gehen neben Körpergewicht und alter nur teilweise individuelle Eigenschaften und Umstände ein. Z.B. das Temperament des Hundes, seine Bewegungsmöglichkeit, die Dichte und Länge des Fells oder auch Umweltfaktoren wie Temperatur und Wind. Der tatsächliche Erhaltungsbedarf kann sich durch diese Faktoren etwas nach oben oder unten verschieben.

b.) Jede intensive körperliche Bewegung verbraucht genauso wie gesteigerte Aufmerksamkeit zusätzlich Energie. Dieser Mehrbedarf an Nahrungsenergie (Energie-Leistungsbedarf) ist von Art und Dauer der körperlichen Belastung des Hundes (z.B. Hütearbeit) und verschiedenen Umweltbedingungen, unter denen der Hund arbeitet, abhängig. Z.B. Bodenbeschaffenheit, Wind oder Außentemperaturen. Folge: Der Energie-Leistungsbedarf kann bei einem Leistungshund in unserer Breitengraden, je nach Ausmaß der Bewegungsleistung, auf das Doppelte des Erhaltungsbedarfs ansteigen. Gleiches gilt für tragende Hündinnen. Während der Trächtigkeit steigt ihr Energiebedarf immer weiter an. Kurz vor der Geburt liegt er schließlich doppelt so hoch wie vor der Trächtigkeit. Bei der Bestimmung der bedarfsgerechten Nahrungsmenge ist auch zu berücksichtigen, dass der Leistungsbedarf je nach Trainings-, Arbeits- oder Ruhetag wechselt.

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Folge 15

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