Gebrauchs- und Leistungshunde wie z.B. Schäferhunde können nicht mit der - oft üblichen - Nahrung von verweichlichten Haushunden abgespeist werden. Essensreste, Süßigkeiten und andere "Leckereien" sind also verboten, wenn die Leistungsfähigkeit des Hundes dauerhaft erhalten bleiben soll. Das Wissen um die Naturgeschichte von Hunden und das Verständnis ihres Verdauungsapparates weisen unmittelbar auf die Nahrung und die Art der Ernährung hin, die diese Tiere benötigen: Sie soll artgerecht sein, in ihrer Zusammensetzung allen Leistungsanforderungen des Hundes entsprechen und muss so gefüttert werden, dass keine Leistungseinbußen nachfolgen.
Feines Zerkleinern der Nahrung im Maul unmöglich
Der Verdauungstrakt beginnt mit dem Maul und den Zähnen: Eindeutig kann das Hunde-Raubtiergebiss Gewebe zerschneiden, größere oder kleinere Brocken Fleisch von Knochen abreißen und mit den Backenzähnen grob zerkauen. Ganz sicher kann dieses Gebiss aber keine Nahrung so weit zermahlen, wie es die Pflanzenfresser tun, bei denen die fermentative Nahrungsaufbereitung bereits im Maul beginnt. Nein, der Hund schlingt eher gröbere Nahrungsbrocken hinunter, wobei sein Speichel vor allem der Anfeuchtung der Nahrung dient, damit diese besser in den Magen rutscht. Hundedarm nur halb so lang wie bei PflanzenfressernDer Sackmagen des Hundes (mit einer Größe von bis zu 2.500 Kubikzentimetern z.B. bei einem Schäferhund), kann große Nahrungsmengen aufnehmen und - je nach körperlicher Aktivität - in kleineren oder größeren Portionen an den Darm weitergeben. Zudem dient er, entsprechend der Herkunft der Hunde, als Speicherorgan von Nahrung - er kann bis zu 24 Stunden lang Nahrung an den Darm weitergegeben. Die Länge des Hundedarmes weist übrigens ebenfalls auf seine Raubtiernatur hin: Das Verhältnis der Körper- zur Darmlänge beträgt bei Hunden etwa 1 zu 6,8. Das mag auf den ersten Blick viel erscheinen, schließlich kommt bei einem größeren Hund eine Gesamtlänge von rund 10 Metern zu Stande (Dünndarm: etwa 450 cm, Dickdarm: etwa 550 cm). Die Darmlänge vieler Pflanzenfressern von ähnlicher Körpergröße ist aber doppelt so lang! Das Verhältnis von Körper- zu Darmlänge liegt bei diesen Tiergattungen zwischen 1:10 bis 1:23. Warum können Hunde eigentlich kein Heu fressen?
Der Darm ist jener Ort im Organismus eines Tieres, in dem Nahrung in so kleine Bestandteile zergliedert wird, dass sie durch die Darmschleimhaut in das Blut transportiert werden können. Die Kürze des Hundedarms muss also zu einer anderen Verdauung führen als bei einem Pflanzenfresser. Dies ist auch tatsächlich der Fall: Hunde sind beispielsweise ebenso wenig wie Menschen in der Lage, äußerst komplexe Kohlenhydratverbindungen zu verdauen - also z.B. weder Heu, Stroh oder Baumrinde. Hierfür reicht weder die Darmlänge des Hundes und damit die Verweildauer der Nahrung aus, noch die biologisch vorgegebene Ausstattung mit den notwendigen Verdauungsfermenten (Enzymen). Folge: Ein Hund muss, da sein Organismus dennoch alle wichtige Nährstoffe benötigt, die von den Beutetieren bereits vorverdauten Pflanzenteile aufnehmen. Erst diese kann er dann zu Ende verdauen. Der Mensch bereitet Unverdauliches entsprechend durch Erhitzen zu. Auch die modernen artgerechten Hundevollnahrungen bieten eine Mischung unveränderter verdaulicher Nährstoffe und - z.B. durch Erhitzen - verdaubar gemachter Nährstoffe pflanzlicher Herkunft. Nur so kann ein Hund die Fülle an Nährstoffen aufnehmen, die er für seine tägliche Arbeit benötigt. Hochkomplexes Verdauungssystem
Wie vollbringt nun der Verdauungsapparat eines Hundes die lebenslang andauernde Leistung der Energie- und Nährstoffbereitstellung - der "Verdauung"? Das hochkomplexe Verdauungssystem verwendet zur Zerlegung der Nahrung verschiedene Mechanismen, die im Folgenden vorgestellt werden. Mechanische Bearbeitung: An erster Stelle steht die mechanische Bearbeitung der Nahrung. Für jeden sichtbar findet sie im Maul des Hundes statt - dort wird die Nahrung mit der Muskelkraft des Hundes mehr oder weniger zerkleinert. Mechanische Kraft muss der Hund übrigens während des gesamten Verdauungsvorgangs aufwenden, bis die Nahrungsreste den Körper wieder verlassen: So ist die Speiseröhre ein Muskelschlauch, der die Nahrung sicher in den Magen befördert. Auch dort wird die Nahrung mechanisch weiter bearbeitet - zum einen um eine bessere Vermischung der Nahrungsstücke mit den Verdauungssäften zu erreichen, vor allem aber, um den dabei entstehenden Nahrungsbrei gezielt in den Zwölffingerdarm zu transportieren. Auch der gesamte Darm ist ein kräftiges Muskelorgan, das den Nahrungsbrei durchknetet und rhythmisch vorwärts bewegt. Auch die Ausscheidung ist Folge von Muskelaktivität - in diesem Fall des Enddarms. Zusätzlich zu diesen durchmengenden und vorwärts bewegenden Bewegungen des Verdauungsapparates gibt es vier muskelverstärkte Engstellen, die die Nahrung zu passieren hat. Diese "Ventile" liegen im Kehlkopf, am Ausgang der Speiseröhre bzw. Eingang des Magens, am Übergang Magen zu Zwölffingerdarm, am Übergang Dünndarm zu Dickdarm und schließlich am Ende des Dickdarms (After-Schließmuskel). Chemische Bearbeitung: An zweiter Stelle steht die chemische Veränderung der Nahrungsbestandteile. So sondert die Magenschleimhaut große Mengen Salzsäure ab, die viele Nahrungsbestandteile denaturiert und für die Einwirkung der Fermente anfälliger macht. Auch die Bauchspeicheldrüse oder Gallenblase, die in den Zwölffingerdarm münden, enthalten anorganische Bestandteile, die z.B. bei der Fettverdauung von Bedeutung sind. Bearbeitung durch Enzyme: Nach der mechanischen und chemischen Aufbereitung ist letztlich die enzymatische Zersetzung der Nahrung für die weitere Verdauung entscheidend. Enzyme ("Fermente") sind von Magen-Darmschleimhaut und Bauchspeicheldrüse gebildete Verbindungen, die ähnlich einer Kneifzange Nahrungsbestandteil zerschneiden und sie so immer kleiner werden lassen. Ein typisches Beispiel ist das im Magen gebildete Pepsin, dass Eiweiße zerlegen kann. Im Maul des Hundes werden, anders als beim Menschen, übrigens keine Verdauungsenzyme gebildet, d.h. die enzymatische Verdauung beginnt erst im Magen. Ziel der enzymatischen Verdauung sind Nährstoffbruchstücke, die so klein sind, dass sie durch die Darmwand in den Körper hinein geschleust werden können. Darmbakterien-Hilfe: Weniger entscheidend für die Verdauung ist das Vorhandensein von Darmbakterien ("Darmflora"). Viele von ihnen können zwar auch Nährstoffe, z.B. Kohlenhydrate oder Eiweiße durch eigene Enzyme weiter zerlegen und damit dem Hund zur Verfügung stellen, viel wichtiger ist aber ihre Rolle bei der Bildung von Vitaminen oder wichtigen Eiweißen. So synthetisieren Darmbakterien bestimmte Vitamine, die der Hund nicht selbst synthetisieren kann. Allerdings: Der Großteil der Vitamine muss und soll über die Nahrung zur Verfügung gestellt werden. "Stoff-Wechsel": Durch den aktiven und passiven Stoffaustausch gelangen schließlich die Nährstoff-Bruchstücke (z.B. Aminosäuren, Zucker, Fettsäuren) durch die Darmschleimhaut in Blut und Lymphe und werden von dort in die Leber transportiert - also die große biochemische "Fabrik" im Organismus. Der aktive Stofftransport ist von großer Bedeutung, da nur einige Nährstoffe von alleine die Darmschleimhaut durchwandern ("Diffusion"), wie z.B. Wasser oder manche Mineralien. Wichtig: Müssen Nährstoffe aktiv durch die Zellen der Darmschleimhaut hindurch transportiert werden, verbraucht dies - genauso wie die anderen Verdauungstätigkeiten - eine ganze Menge Energie. Informationen steuern alles: Nerven und HormoneAll diese Mechanismen würden zu einem heillosen Durcheinander im Magendarmtrakt und nachfolgend zu Krankheit und Tod führen, würden sie nicht zielgerichtet gesteuert. Hierzu braucht das Nervensystem in Verdauungstrakt, Rückenmark und Gehirn zahlreiche Sensoren, die Informationen über das Geschehen liefern - die so genannten Rezeptoren. So finden sich vom Maul bis zum After Zahllose solcher Rezeptoren, die u.a. die Dehnung des Magens messen können, die Säurekonzentration im Magen (pH-Wert), die Häufigkeit von Dünndarmkontraktionen, den Füllungsgrad des Dickdarms und vieles andere mehr. All diese Informationen (Reize) werden an das Nervensystem weitergeleitet, wo die Information verarbeitet und die Verdauung sinnvoll gesteuert wird. Übrigens: Dabei wird durchaus nicht die gesamte Verdauung vom Gehirn aus gesteuert. Vielmehr ist diese Steuerung der Verdauungstätigkeit hierarchisch geordnet. So gibt es Nervenknoten im Dünndarm, die selbsttätig die wellenförmigen Bewegungswellen des Darms (Peristaltik) bewirken und kontrollieren. Am Rande der Wirbelsäule wiederum finden sich Nervenzentren (Ganglien), die mehrere Aufgaben gleichzeitig steuern können. Und: Überall in Magen und Darm befinden sich Zellen, die chemische Botenstoffe (Hormone) bilden, die zusätzlich die Verdauung steuern. Das im Magen gebildete Hormon Gastrin fördert z.B. die Beweglichkeit des Magens und führt zu einer vermehrten Ausschüttung von Mineralstoffen aus den Verdauungsdrüsen. Das Gehirn jedoch lenkt die Vorgänge nur übergeordnet. Dennoch kann die Verdauung auf dieser Ebene effektiv gestört werden: Stress und Aufregung beispielsweise können den wohl geordneten Ablauf der Verdauungstätigkeit nachhaltig durcheinander bringen. Andere äußere Einflüsse bewirken hingegen eine sinnvolle Verringerung der Darmtätigkeit, z.B. bei extremer körperlicher Belastung. Der Grund ist u.a. darin zu sehen, dass Verdauung wie erwähnt Energie kostet. Bei starker Belastung wird die Energie aber v.a. in Muskeln und Gehirn geleitet, während die Durchblutung des Darms und damit die Energieanlieferung in diese Körperregion nachlässt. Wasser und Wärme: Betrachtet man grundsätzlich die Verdauung, fallen noch zwei entscheidende Faktoren ins Auge: So ist eine normale Verdauungstätigkeit ohne Anwesenheit ausreichender Wassermengen völlig unmöglich. D.h. zu geringe Wasseraufnahme oder zu starker Wasserverlust (Schwitzen, Krankheit) stören die Verdauung. Zum anderen spielt die Wärme eine wichtige Rolle: Sowohl chemische wie auch enzymatische Verdauung läuft erst dann effektiv ab, wenn eine optimale Temperatur, d.h. nicht zu kühl und nicht zu heiß, herrscht. Ein völlig überhitzter Hund wird deswegen z.B. auch eine verminderte Verdauungstätigkeit haben.
Die obige Darstellung der Verdauungsvorgänge kann natürlich nur einen Überblick vermitteln. Vor allem weil die "Anhangsorgane" des Magendarmtraktes - nämlich Leber/Gallenblase sowie Bauchspeicheldrüse - nicht eingehend berücksichtigt wurden. Diese Organe sind aber nicht am unmittelbaren Verdauungsprozess beteiligt, sondern liefern zahlreiche Gallensäuren, Mineralstoffe und Enzyme, die letztlich den "Verdauungssaft" bilden. Daneben haben aber sowohl die Bauchspeicheldrüse und vor allem die Leber zahlreiche weitere wichtige Aufgaben im Organismus, die nicht in Zusammenhang mit der Verdauung stehen. Dennoch bietet dieser Überblick bereits wesentliche Einblicke in die Abhängigkeit der Verdauung von äußeren und inneren Geschehnissen sowie wichtige Folgerung für die praktische Hunde-Ernährung.
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