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Brehm's Tierleben
Der Wolf (Canis lupus) - Teil 5


Schakal (Canis aureus)

Schakal (Canis aureus)

Einen anderen ebenfalls vollständig zahmen Streifenwolf sah ich später am oberen Kongo, wo übrigens diese Tiere weit seltener als in den Küstengebieten zu sein schiene, im Besitze des Missionarsvorstehers Comber. Dieses Stück war jedoch keineswegs so fein und schlank gebaut, besaß auch nicht den fein geschnittenen Kopf der mir bis dahin vorgekommenen, sondern ähnelte dem auf dem ersten Bilde dargestellten. Sein Verhalten wich von dem oben beschriebenen nicht ab, nur hielt er innige Freundschaft mit einigen europäischen Hunden der Mission, fraß, schlief, spielte mit ihnen und durchstrich in ihrer Gesellschaft Gehöft wie Umgebung." Noack teilt einige Beobachtungen von Hesse mit, der einen jungen Streifenwolf in einer Faktorei an der Kongomündung aufzog. Hesse besaß auch einen sehr gutartigen Neufundländerhund, der gegen den frei umherlaufenden jungen Mbulu "eine überwindliche Abneigung zeigte. Wenn ihm das kleine Tier zu nahe kam, gab er durch wütendes Bellen seinen Unwillen zu erkennen, versuchte indessen nie, das Tierchen zu beißen. Nahm man den Schakal in die Hand und rief den Hund herbei, so ergriff er die Flucht, während er sonst aufs Wort gehorchte."

Meine aus Sansibar stammende Gefangene folgte jedem von ihrem Käfige aus sichtbaren Wilde mit größter Teilnahme, gleichsam mit verklärtem Auge. Ein vorüberfliegender Vogel, ein am Käfige vorbeispazierendes Huhn beschäftigten sie auf das lebhafteste. Ihr Betragen war im wesentlichen dasselbe wie das der Schakale und anderer Wölfe ähnlicher Größe. Auch sie zeigte sich Menschen und größeren Tieren gegenüber scheu und furchtsam, obgleich sie ihrer Haut sich zu wehren wußte. Anfangs setzte sie meinen Liebkosungen Mißtrauen entgegen, allgemach aber verlor sich ihre übergroße Vorsicht, und nach einigen Wochen hatte ich ihr Vertrauen wirklich gewonnen. Sie kam auf meinen Ruf herbei und gestattete, daß ich sie berührte, und wenn auch anfangs bedenkliches Nasenrümpfen zur Vorsicht mahnte, erreichte ich endlich doch meinen Zweck und durfte sie streicheln. Später wurde sie zahm und freundlich, mir jedenfalls sehr zugethan, obgleich sie ihr Mißtrauen niemals vollständig überwinden konnte. Mit den Genossen ihres Käfigs hielt sie ihrerseits Frieden; Zudringlichkeiten derselben wies sie entschieden zurück. Eine Stimme habe ich nicht von ihr vernommen. Auf kleine Tiere, z.B. Ratten und Sperlinge, war sie sehr gierig, nicht minder gern fraß sie Früchte: Pflaumen, Kirschen, Birnen und Milchbrot gehörten zu ihren ganz besonderen Leckereien. Gegen die rauhe Witterung unseres Nordens schien sie höchst empfindlich zu sein, lag an kalten Tagen, nach Hundeart zusammengerollt, regungslos und erhob sich dann, auch wenn man sie rief, nur ungern, während sie sonst augenblicklich ans Gitter kam. Am lebendigsten war sie an warmen Sommerabenden.

Der Schakal (Canis [Lupus] aureus, C. barbarus, indicus, micrurus, Sacalius und Oxygoiis indicus) ist dasselbe Tier, welches die alten Thos und Goldwolf nannten, und wahrscheinlich der bei dem Bubenstreiche Simsons erwähnte "Fuchs", welchen jener edle Recke benutzte, um den Philistern ihr Getreide anzuzünden. Sein Name rührt von dem persischen Worte Shigal her, welches die Türken in Schikal umgewandelt haben. Bei den Arabern heißt er Dieb oder Dib, in Indien Gidar, Phial, Kola, Nerka, Nari usw., im Sanskrit Srigala, bei den Singalesen Naria. Man kennt ihn im Morgenlande überall und spricht von seinen Thaten mit demselben Wohlgefallen, mit welchem wir des Fuchses gedenken.

Der Schakal erreicht bei 65 - 80 cm Leibes- und 22 - 30 cm Schwanzlänge 45 - 50 cm Höhe am Widerriste, ist kräftig gebaut, hochbeinig, seine Schnauze spitzer als die des Wolfes, aber stumpfer als die des Fuchses; die buschige Standarte hängt bis zu dem Fersengelenk herab. Die Ohren sind kurz, erreichen höchstens ein Viertel der Kopflänge und stehen weit voneinander ab; die lichtbraunen Augen haben einen runden Stern. Ein mittellanger, rauher Balg von schwer beschreiblicher Färbung deckt den Leib. Die Grundfarbe ist ein schmutziges Fahl- oder Graugelb, welches auf dem Rücken und an den Seiten mehr ins Schwarze zieht, bisweilen auch schwarz gewellt erscheint oder durch dunkle, unregelmäßig verlaufende Streifen über den Schultern gezeichnet wird. Diese Färbung setzt sich scharf ab von den Seiten, Schenkeln und Läufen, welche wie die Kopfseiten und der Hals fahlrot aussehen. Die Stirnmitte pflegt dunkler zu sein, weil hier die Haare schwärzliche Spitzen haben; die Ohren sind äußerlich dicht mit rotgelben, innen spärlicher mit längeren lichtgelben Haaren bekleidet. Das Fahlgelb der Unterseite geht an der Kehle und am Bauche in Weißlich-, an der Brust in Rötlichgelb, am Unterhalse in Grau über; in der Schlüsselbeingegend machen sich undeutliche dunklere Querbänder bemerklich, ohne daß eine regelmäßige Zeichnung ausgesprochen wäre. In die dunkle, an der Spitze schwarze Behaarung des Schwanzes mischt sich Fahlgelb ein. Sein Gewicht beträgt bis 10 kg.

Als das Heimatsgebiet des Schakals muß Asien angesehen werden. Er verbreitet sich von Indien aus über den Westen und Nordwesten des Erdteils, durch Belutschistan, Afghanistan, Persien, Kaukasien, Kleinasien, Palästina, Arabien nach Nordafrika, tritt aber auch in Europa, in der Türkei, in Griechenland sowie in einigen Gegenden Dalmatiens auf. Wie weit sich sein Verbreitungsgebiet in Afrika erstreckt, ob ausschließlich auf den Norden, ist noch nicht festgestellt. In Indien und Ceylon findet er sich allenthalber, in Waldungen wie in offenen Landschaften, in Ebenen wie in gebirgigen Gegenden, und im Himalaja bis über 1000 m hoch. Seltener scheint er nach Osten hin zu werden, kommt aber noch im westlichen Barma und bis nach Tenasserim, vielleicht auch auf der Malayischen Halbinsel vor. Nach Diards Befunde könnte man fast versucht sein, zu glauben, daß er sogar auf Borneo vorkomme.

In seiner Lebensweise stellt sich der Schakal als Bindeglied zwischen Wolf und Fuchs dar. Dem letzteren ähnelt er mehr als dem ersteren. Bei Tage hält er sich zurückgezogen; gegen Abend begibt er sich auf seine Jagdzüge, heult laut, um andere seiner Art herbeizulocken, und streift nun mit diesen umher. Er liebt die Geselligkeit sehr, obwohl er auch einzeln zur Jagd zieht. Vielleicht darf man ihn den dreistesten und zudringlichsten aller Wildhunde nennen. Er scheut sich nicht im geringsten vor menschlichen Niederlassungen, dringt vielmehr frech in das Innere der Dörfer, ja selbst der Gehöfte und Wohnungen ein und nimmt dort weg, was er gerade findet. Durch diese Zudringlichkeit wird er weit unangenehmer und lästiger als durch seinen berühmten Nachtgesang, welchen er mit einer bewunderungswürdigen Ausdauer vorzutragen pflegt. Sobald die Nacht wirklich hereingebrochen ist, vernimmt man ein vielstimmiges, im höchsten Grade klägliches Geheul, welches dem unserer Hunde ähnelt, aber durch größere Vielseitigkeit sich auszeichnet. Wahrscheinlich dient dieses Geheul hauptsächlich anderen der gleichen Art zum Zeichen: die Schakale heulen sich gegenseitig zusammen. Jedenfalls ist es nicht als ein Ausdruck der Wehmut der lieben Tiere anzusehen; denn die Schakale heulen auch bei reichlicher Mahlzeit, in der Nähe eines großen Aases z.B., gar erbärmlich und kläglich, daß man meint, sie hätten seit wenigstens 8 Tagen keinen Bissen zu sich genommen. Sobald der eine seine Stimme erhebt, fallen die anderen regelmäßig ein, und so kann es kommen, daß man von einzeln liegenden Gehöften aus zuweilen die wunderlichste Musik vernehmen kann, weil die Töne aus allen Gegenden der Windrose heranschallen. Unter Umständen wird man erschreckt durch das Geheul; denn es ähnelt manchmal Hilferufen oder Schmerzenslauten eines Menschen. Die Anglo-Inder pflegen die allbekannten charakteristischen Laute durch: "Dead Hindoo! Where, where, where!" wiederzugeben. Durch die Ausdauer, mit welcher die Schakale ihre Nachtgesänge vortragen, können sie unerträglich werden; sie verderben, zumal wenn man im Freien schläft, oft die Nachtruhe vollständig. Somit kann man es den Morgenländern nicht verdenken, wenn sie die überall häufigen Tiere hassen und diesem Hasse durch grauenvolle Flüche Ausdruck geben.

Zum Hasse berechtigen übrigens auch noch andere Thaten der Schakale. Der geringe Nutzen, welchen sie bringen, steht mit dem Schaden, den sie verursachen, in gar keinem Verhältnis. Nützlich werden sie durch Wegräumen des Aases und Vertilgung allerhand Ungeziefers, hauptsächlich durch Mäusefang, schädlich wegen ihrer unverschämten Spitzbübereien. Sie fressen nicht nur alles Genießbare weg, sondern stehlen noch allerhand Ungenießbares aus Haus und Hof, Zelt und Zimmer, Stall und Küche und nehmen mit, was ihnen gerade paßt. Ihre Freude am Diebstahl ist vielleicht ebenso groß wie ihre Gefräßigkeit. Im Hühnerhofe spielen sie die Rolle unseres Reineke, morden mit der Gier des Marders und rauben, wenn auch nicht mit der List, so doch mit der Frechheit des Fuchses. Unter Umständen machen sie sich übrigens auch über ein vereinzeltes Herdentier, über Lämmer und Ziegen her, verfolgen ein kleines Wild oder plündern die Obstgärten und Weinberge. In Indien sollen sie selbst Zuckerrohr- und Maisfelder heimsuchen und, wie Jerdon und Stendale versichern, auch die Kaffeepflanzungen schädigen, indem sie bedeutende Mengen reifer Beeren vertilgen. Die Bohnen gehen unverdaut ab und werden emsig gesammelt, da sie den besten Kaffee geben sollen; das mag wohl richtig sein, aber nicht etwa, weil sie durch den Tierleib gegangen sind, sondern weil die Schakale die leckersten Früchte auszuwählen pflegen. An der Meeresküste nähren sie sich von toten Fischen, Weichtieren und dergleichen. Größeren Raubtieren folgen sie in Rudeln nach, um alle Überreste ihrer Mahlzeit zu vertilgen; Reisezüge begleiten sie oft tagelang, drängen sich bei jeder Gelegenheit ins Lager und stehlen und plündern hier nach Herzenslust. Tritt ihnen bei solchen Jagdzügen ein Mensch in den Weg, so weichen sie ihm zwar aus und zerstreuen sich nach rechts und links, finden sich aber bald wieder zusammen und verfolgen ihren Weg wie früher. Die Morgenländer sagen ihnen nach, daß sie unter Umständen auch Menschen angreifen, zwar nicht den Erwachsenen und Gesunden, wohl aber Kinder und Kranke. In Indien müßten eigentlich nach den amtlichen Angaben die Schakale schlimmer hausen als die Wölfe, wenn nicht sogar schlimmer als die menschenfressenden Tiger. Bloß drei Provinzen haben darüber und zwar bloß für drei einzelne Jahre Verzeichnisse eingereicht; danach sind zusammen 527 Menschen, in Bengalen allein 1882: 359 Menschen durch Schakale getötet worden. Wir groß müßte da der durch sie verursachte Menschenverlust in ganz Indien sein?

In den nördlichen Teilen der Insel Ceylon, wo der sandige Boden von Buschwerk und einzelnen Baumgruppen nur dünn bedeckt wird, sind sie, laut Tennent, ungemein häufig. Sie jagen hier regelmäßig in Meuten, welche von einem Leithunde angeführt werden und eine kaum glaubliche Kühnheit an den Tag legen. Nicht allein Hasen und andere Nager, sondern auch größere Tiere, selbst Hirsche, fallen ihnen zur Beute. Sehen sie, daß gegen Abend oder mit Eintritt der Dunkelheit ein Hase oder anderes Wild in einem jener Dickichte Zuflucht sucht, so umringen sie die ihnen winkende Beute von allen Seiten, versäumen auch nie die Wechsel zu besetzen; der Leithund gibt durch ein langgedehntes Geheul das Zeichen zum Angriffe, alle wiederholen die widerwärtigen Laute, und rennen gleichzeitig in das Dickicht, um das Tier heraus und in die sorgfältig gelegten Hinterhalte zu treiben. Nach Tennent gewordenen Mitteilungen eines Augenzeugen ist es ihre erste Sorge, ein niedergerissenes Wild wo möglich in das nächstgelegene Dickicht zu schleppen, aus welchem sie sodann mit der gleichgültigsten Miene wieder heraustreten, um zu erspähen, ob nicht etwa ein stärkeres Tier, welches sie ihrer Beute berauben könnte, in der Nähe sich umhertreibe. Ist die Luft rein, so kehren sie zu dem verborgenen Opfer zurück und schaffen es weg oder verzehren ihn auf der Stelle. Angesichts eines Menschen oder stärkeren Raubtieres sollen sie, wie der Berichterstatter Tennents versichert und dieser für wahr hält, irgend einen Gegenstand ins Maul nehmen und eilig davon rennen, als wären sie begierig, die vermeintliche Beute zu sichern, gelegenerer Zeit aber zu dem wirklichen Raube zurückkehren. Jedenfalls gelten sie bei allen Singalesen, genau ebenso wie Reineke bei uns, als Sinnbilder der List und Verschlagenheit, und haben einen wahren Schatz von Sagen und Geschichten ins Leben gerufen.

An den Schädeln einzelner Schakale findet sich eine von außen meist durch einen Haarbusch kenntliche Knochenwucherung, das Schakalhorn, welchem die Inder und Singalesen wunderbare Kräfte zuschreiben. Ihrer Meinung nach entwächst es nur dem Schädel des Leithundes und ist deshalb besonders schwer zu erhalten, verbürgt dem glücklichen Besitzer aber Erfüllung aller Wünsche, kehrt auch, wenn es gestohlen wurde, von selbst wieder in seinen Besitz zurück, ist überhaupt ein Talisman ersten Ranges. Uralt und weit verbreitet ist auch der Glaube, daß der Schakal dem Löwen wie dem Tiger als Kundschafter vorausziehe, ihn warne, zu einem Opfer führe und dafür einen Teil der Beute erhalte. In Indien wird noch besonders darauf hingewiesen, daß er nur in des Tigers oder des Panthers Nähe einen ganz eigenartigen, sonst nicht von ihm zu hörenden Schrei ausstoße. Dieser den Jägern wohlbekannte Schrei ist in der That gar nicht mißzuverstehen; aber wir sind vollauf berechtigt, ihn als einen Warnruf aufzufassen, der nichts weniger als grundlos sein dürfte: denn ein hungriger Tiger wird oft genug sich auch mit einem Schakal begnügen, wie es der Panther sicherlich thut. Zudem berichten zuverlässige Beobachter, daß, wie zu erwarten, die hungrigen Gesellen unter solchen Umständen nicht dem Tiger vorausziehen, sondern ihm nachfolgen, um etwaige Reste des königlichen Mahles zu erschnappen, wobei sie sich aber sorgfältig hüten, in den Bereich des großen Herrn zu kommen.

Sanderson hatte einmal Gelegenheit, ihr Verhalten zu beobachten. Er hatte sich am Abend dicht bei einem vom Tiger frisch getöteten Rinde auf den Anstand begeben, um den zurückkehrenden Räuber zu schießen. Bevor dieser erschien, wurde er durch das Treiben dreier Schakale unterhalten. "Zwei davon", erzählt Sanderson, "schlichen schon vor Sonnenuntergang herbei, und es war höchst kurzweilig anzusehen, mit welcher übermäßigen Vorsicht sie sich dem offen daliegenden toten Rinde näherten, da sie doch eigentlich wissen mußten, daß der Tiger nicht weit war. Hatten sie sich endlich nahe herangewagt, so sprangen sie plötzlich in drolliger Weise zurück und davon, offenbar in der Absicht, den Tiger, falls er irgendwo in der Nähe wäre, zu einer Bewegung zu reizen. Schließlich waren sie mutig genug geworden, sich an den Fraß zu machen. Der eine fiel gierig über das Rind her und riß nichts weniger als geräuschlos an ihm herum; der andere aber, ohne daran zu denken, sich ebenfalls zu sättigen, hielt derweil sorgsame Wacht. Auf einmal sträubte er jedes Haar an Körper und Schwanz, nahm die Stellung eines sich übergebenden Hundes an, klemmte den Schwanz ein und machte kurze, überaus lächerlich berührende Anläufe, indem er wie ein aufgeblasener Truthahn trippelnd vorwärts rutschte. Jetzt kommt der Tiger, dachte ich; statt dessen gewahrte ich aber bloß einen dritten Schakal, welchem der eifersüchtige Wächter nicht auch noch an den gedeckten Tisch lassen wollte. Wirklich legte sich auch der zuletzt gekommene nieder und wartete mit scheinbarer Gleichgültigkeit, bis die Reihe an ihm sein würde. Der schmausende Schakal hatte mittlerweile wohl eine halbe Stunde lang gefressen und der Wächter noch kein Stück Fleisch berührt, als beide jählings vom Rinde wegsprangen und wie gebannt nach einer Stelle fast unter meinem Baume äugten. Dann gaben sie ein sonderbares Schneuzen von sich, huschten ruhelos seitwärts hin und wieder, verwendeten aber keinen Blick von der sie beunruhigenden Stelle. Jetzt wußte ich, daß sie den Tiger eräugt hatten; zwar hatte ich noch niemals einem solchen Empfange beigewohnt, aber ihr Gebaren war so ausdrucksvoll, daß ich es nicht anders zu deuten vermochte. Der Augenblick war aufregend genug, denn ich konnte mich nicht wenden, um nach der Richtung zu sehen, von welcher der Tiger sich nähern mußte. Plötzlich änderten die Schakale ihr Schneuzen in eine Art scharfes Zwitschern, das bestimmt zu sein schien, ihren Herrn und Meister zu versöhnen, und wichen dann zurück, während ich fast unter mir den ruhig-gemessenen Tritt des Tigers hörte. Jetzt, vom Mondlichte umflossen, schoben sich der gestreifte Kopf, die Schultern in meinen Gesichtskreis, ein kurzer Halt, und der Tiger schritt zum Hinterteile seiner Beute und stand den Schakalen nachschauend. Ich hatte ihn breit und verlor keine Zeit, zu schießen; mit lautem Wut- und Schreckensschrei galoppierte der Getroffene schwerfällig davon, vielleicht 80 Schritt weit; dann hörte ich ihn zusammenbrechen, und gleich darauf kam durch die stille Nacht das letzte eigenartige Stöhnen des sterbenden Tigers."

Die Ranzzeit des Schakals fällt in den Frühling und gibt den verliebten Männchen zu den allergroßartigsten Heulereien Grund und Ursache. Neun Wochen später wölft die Schakalhündin fünf bis acht Junge auf ein wohl verborgenes Lager, ernährt, schützt und unterrichtet diese nach Wolfs- oder Fuchsart im Gewerbe und zieht nach ungefähr zwei Monaten mit ihnen in das Land hinaus. Die hoffnungsvollen Sprossen haben sich um diese Zeit schon fast alle Fertigkeiten der alten erworben, verstehen das Heulen meisterhaft, und lernen das Stehlen rasch genug. In Indien beträgt die Zahl der Jungen durchschnittlich vier; sie werden in Röhren geworfen, gelegentlcih auch unter überhängenden Ufern in trockenen Abzugsgräben.

Jung eingefangene Schakale werden bald sehr zahm, jedenfalls weit zahmer als Füchse. Sie gewöhnen sich gänzlich an den Herrn, folgen ihm wie ein Hund, lassen sich liebkosen oder verlangen Liebkosungen wie dieser, hören auf den Ruf, wedeln freundlich mit dem Schwanze, wenn sie gestreichelt werden, kurz, zeigen eigentlich alle Sitten und Gewohnheiten der Haushunde. Selbst alt gefangene unterwerfen sich mit der Zeit dem Menschen, so bissig sie auch anfänglich sich zeigen. Paarweise gehaltene pflanzen sich ohne alle Umstände in der Gefangenschaft fort, begatten sich auch leicht mit passenden Haushunden. Adams sah in Indien Haushunde, welche dem Schakal vollständig glichen, und nimmt an, daß sie aus einer Vermischung von beiden hervorgegangen sind; auch Blanford neigt sich dieser Auffassung zu. Das Fell des kleinasiatischen Schakals gilt im Handel etwa 2 Mark.

Die fürchterlichste Krankheit der Hunde, die Wasserscheu, sucht auch den Schakal heim. Man hat in Indien wie auf Ceylon wiederholt erfahren müssen, daß wutkranke Schakale in die Dörfer kamen und Haustiere sowie Menschen bissen.

Schwer begreiflich erscheint es, daß man fortwährend einen gegenwärtig in allen größeren Tiergärten und Museen ausgestellten Wildhund des inneren und südlichen Afrika, den Schabrakenschakal, mit dem Schakal als gleichartig erklärt; denn ersterer hat mindestens ebenso viele Ähnlichkeit mit dem Fuchse wie mit dem Schakal.

Der Wolf Teil 5

Der Wolf Teil 1
Der Wolf Teil 2
Der Wolf Teil 3
Der Wolf Teil 4
Der Wolf Teil 5
Der Wolf Teil 6
Der Wolf Teil 7
Der Wolf Teil 8
Der Wolf Teil 9
Der Wolf Teil 10
 
Pressemitteilung des SDWI

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