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Brehm's Tierleben
Der Wolf (Canis lupus) - Teil 3


Alpenwolf (Canis alpinus)

Alpenwolf (Canis alpinus)

Ich habe diese Geschichten ausführlich mitgeteilt, weil mir Wölfe, welche ich gepflegt und beobachtet, Belege für die Wahrheit jener Mitteilungen gegeben haben. Ein Wolf im Breslauer Tiergarten war ebenso zahm wie mancher Hund, begrüßte meinen Berufsgenossen Schlegel auf das freundlichste, sobald er ihn sah, leckte ihm die Hände, welche sein Gebieter ihm ohne Scheu durch das Gitter streckte, und benahm sich auch anderen Bekannten gegenüber stets artig und liebenswürdig; sein Käfiggenosse dagegen lebte mit Schlegel in einem absonderlichen Verhältnis, streckte auf Verlangen seinen Schwanz durch das Gitter, knurrte und zürnte jedoch, sobald dieser berührt wurde, und klappte das Gebiß laut hörbar zusammen, ohne damit übrigens den Eindruck eines Terzerolschusses hervorzubringen, wie der gefühlsüberschwengliche Masius gutmütigen Lesern glauben machen will. Aller Zorn gedachten Wolfes ist aber nichts anderes als Schein und Heuchelei. Denn wütend fällt der sonderbare Gesell über seinen Gefährten her, wenn Schlegel, scheinbar entrüstet über das unwirsche Gebaren, jenem schmeichelte und ihn ferner nicht berücksichtigte, und wahrhaft zudringlich streckte er nunmehr die Lunte zwischen den Eisenstäben hindurch, um sich bemerklich zu machen. Er will beachtet sein, selbst eine Neckerei ertragen, nur nicht vernachlässigt werden. So viel läßt sich nicht bezweifeln: der Wolf ist der Erziehung fähig und der Zähmung, d.h. des Umgangs mit vorurteilsfreien Menschen, nicht unwürdig. Wer mit ihm zu verkehren versteht, kann aus ihm ein Tier bilden, welches dem Haushunde im wesentlichen ähnelt. Ein freies Tier muß aber freilich anders behandelt werden als ein seit undenklichen Zeiten unter Botmäßigkeit des Menschen stehendes Geschöpf.

"Wiewol der Wolff", sagt der alte Gesner, "nit umsonst, und nit ohne gar seine Nutzbarkeit gefangen und getödet wird, so ist doch der Schad, den er bey seinem Leben Menschen und Vieh anthut, viel grösser, weswegen jm, so bald man ihn spühret, ohne Verzug, von männiglichen nachgestellt wird, bis er entweder mit gewissen Instrumenten, oder Gruben, Gifft und Aas, oder mit Wolfsfallen, Angeln, Stricken, Garnen und Hunden, Geschoß und dergleichen gefangen und getödtet werde." Kürzer und bündiger kann man den Vernichtungskrieg, welcher gegen Isegrim geführt wird und von jeher geführt wurde, nicht darstellen.

"Wolffen und Beeren, an den brichet nyemand keynen Frid", so lautet das Gesetz Karls des Großen, deutsch übersetzt in der zu Straßburg 1507 erschienenen Ausgabe des "Sachsenspiegels". Wer einen zahmen Wolf oder Hirsch oder Bären oder einen bissigen Hund hielt, mußte nach demselben Gesetze den Schaden, welchen ein solches Tier anrichtete, bezahlen: "Wer behaltet einen anfelligen Hund oder einen czamen Wolff oder Hirß, oder Beeren, wa sig icht schaden thund, das soll der gelten (bezahlen), des sy seind."

Zur Vertilgung des Wolfes gelten alle Mittel, Pulver und Blei ebenso gut wie das tückisch gestellte Gift, die verräterische Schlinge und Falle, der Knüppel und jede andere Waffe. Die meisten Wölfe werden wohl mit Strychnin getötet. Wenn im Winter die Nahrung zu mangeln beginnt, bereitet man ein getötetes Schaf zu und legt es aus. Das Tier wird abgestreift und das Gift in kleinen Mengen überall in das aufgeschnittene Fleisch eingestreut. Dann zieht man die Haut wieder darüber und wirft den Köder auf den bekannten Wechselstellen der Wölfe aus. Die Wirkung ist furchtbar. Kein Wolf frißt sich an einem derartig vergifteten Tiere satt, weil er sehr bald die Wirkung des Giftes verspürt und ihr erliegt. Diese Vertilgungsart ist wohl die ergiebigste. Vorteilhaft sind auch die Fallgruben, etwa 3 m tiefe Löcher von ungefähr 2,5 m Durchmesser. Man überdeckt sie mit einem leichten Dache aus schmalen, biegsamen Zweigen, Moos und dergleichen, und bindet in ihrer Mitte einen Köder an. Damit der Wolf nicht Zeit habe, vorher lange Untersuchungen zu machen und ein des Weges kommender Mensch gesichert sei, wird die Grube mit einem hohen Zaune umgeben, über welchen jener, um zur Beute zu gelangen, mit einem Satze wegspringen muß.

In volkreichen Gegenden bietet man die Mannschaft zu großartigen Treibjagden auf. Die Auffindung einer Wolfsspur war und ist das Zeichen zum Aufbruch ganzer Gemeinden. Die Schweizer Chronik erzählt: "Sobald man einen Wolf gewahr wird, schlecht man Sturm über ihn, alsdann empört sich eine ganze Landschaft zum Gejägt, bis er umgebracht oder vertrieben ist." Jeder waffenfähige Mann war verpflichtet, und übte gern diese Pflicht, an der Wolfsjagd teilzunehmen. In den größeren Förstereien Polens, Posens, Ostpreußens, Litauens usw. hat man eigens zur Wolfsjagd breite Schneißen durch den Wald gehauen und diesen dadurch in kleinere Vierecke abgeteilt. Die drei Seiten eines solchen Vierecks, welche unter dem Winde liegen, werden, sobald Wölfe gespürt worden sind, mit Schützen bestellt und auf der anderen Seite die Treiber hineingeschickt. Gewöhnlich erscheint der Wolf schon nach dem ersten Lärm äußerst vorsichtig, meist langsam trabend, an der Schützenlinie, wo ihm ein schlimmer Empfang bereitet wird. Bei solchen Jagden gebrauchen bloß die ausgezeichnetsten Schützen die Kugel, die meisten anderen Jäger laden ihre Doppelgewehre mit grobem Schrote oder Posten. Ich habe in Kroatien einer Wolfsjagd beigewohnt und muß sagen, daß das Schauspiel viel großartiger war als der Erfolg. Man hatte die Mannschaft von mehreren Ortschaften aufgeboten und in einem Dorfe unweit des zu bejagenden Waldes versammelt. Mehrere Hundert Treiber waren erschienen und zogen nun in geordneten Haufen, geleitet und beaufsichtigt durch die Waldhüter unseres Jagdherrn, einem in der Ebene gelegenen Walde zu. Dort wurde, ganz wie bei unserem Fuchstreiben, eine Kette gebildet, nur daß sie fast eine halbe Meile weit sich ausdehnte. Auf dem Wege, längs dessen unsere Schützenlinie sich hinzog, verkehrten Bauern nach wie vor, und aus dem Walde tönten uns die Schläge der Holzfäller entgegen. Drei Schüsse gaben das Zeichen zum Beginne des Treibens, und sogleich erhob sich der Lärm: erst dumpf und verhallend, dann deutlicher und endlich vollkommen klar vernehmlich, die Treiber kamen heran, rufend, schreiend, jauchzend, heulend, auf Pfeifen blasend und die Trommeln rührend. Letztere verliehen dem Ganzen einen eigentümlichen Reiz. Die taktmäßigen Schläge der Trommel, welche der Wolf mehr fürchten soll als alles Schreien, belebten das Treiben in außerordentlicher Weise: es war, als ob ein Regiment zum Sturme heranrückte. Da warnte eine Amsel, für mich verständlich genug. Jetzt mußte er kommen. Und in der That vernahm ich bald darauf die Schritte eines größeren Tieres, welches gerade auf mich loszugehen schien. Lange harrte ich vergebens, nur ein Fuchs erschien: der Wolf war zurückgegangen und kam erst später einem tüchtigen Schützen vor das Rohr. Drei andere Wölfe hatten die Treiberlinie gesprengt, ein vierter war angeschossen worden. Dem erlegten band man die Läufe mittels Weidenruten zusammen, hing ihn an einer Stange auf und trug ihn im Triumphe nach dem Dorfe.

In ganz anderer Weise jagen die Bewohner der russischen Steppen. Ihnen erscheint das Gewehr geradezu als Nebensache. Der aufgetriebene Wolf wird von den berittenen Jägern so lange verfolgt, bis er nicht mehr laufen kann, und dann totgeschlagen. Schon nach einer Jagd von ein paar Stunden versagen ihm die Kräfte, mit eingeknickten Hinterläufen macht er Kehrt gegen die Verfolger. Diese aber, welche ihren Gegner genau kennen, steigen vom Pferde und schlagen ihn entweder tot oder schieben ihm einen Lappen, einen alten Hut in den Rachen und packen ihn am Genicke, knebeln ihn und nehmen ihn mit sich nach Hause. So berichtet Hamm, welcher die Steppen Rußlands mehrfach durchreiste. Kohl erzählt, daß die Pferdehirten eine außerordentliche Geschicklichkeit in der Wolfsjagd besitzen. Ihre ganze Waffe besteht aus einem Stocke mit eisernem Knopfe. Diesen werfen sie dem gejagten Wolfe, selbst wenn ihr Pferd im schnellsten Laufe begriffen ist, mit solcher Kraft und Geschicklichkeit auf den Pelz, daß der Feind regelmäßig schwer getroffen niedersinkt.

In eigentümlicher Weise jagen die Lappen. Während des Sommers und auch mitten im Winter sind ihre Renntiere den Angriffen des Raubtieres preisgegeben, ohne daß sie viel dagegen thun könnten. Die meisten besitzen zwar das Feuergewehr und wissen es auch recht gut zu gebrauchen; allein die Jagd mit diesem ist bei weitem nicht so erfolgreich als eine andere, welche sie ausüben. Sobald nämlich der erste Schnee gefallen ist und noch nicht jene feste Kruste erhalten hat, welche er im Winter regelmäßig bekommt, machen sich die Männer zur Wolfsjagd auf. Ihre einzige Waffe besteht in einem langen Stocke, an welchem oben ein scharfschneidiges Messer angefügt wurde, so daß der Stock hierdurch zu einem Speere umgewandelt wird. An die Füße schnallen sie sich die langen Schneeschuhe, welche ihnen ein sehr schnelles Fortkommen ermöglichen. Jetzt suchen sie den Wolf auf und verfolgen ihn laufend. Er muß bis an den Leib im Schnee waten, ermüdet bald und kann einem Skyläufer nicht entkommen. Der Verfolger nähert sich ihm mehr und mehr, und wenn er auf eine waldlose Ebene herausläuft, ist er verloren. Das Messer war anfänglich mit einer Hornscheide überdeckt; diese sitzt aber so locker auf, daß ein einziger Schlag auf das Fell des Wolfes genügt, sie abzuwerfen. Nunmehr bekommt das Raubtier so viele Stiche, als erforderlich sind, ihm seine Raublust für immer zu verleiden. Bei weitem die meisten Wolfsfelle, welche aus Norwegen kommen, rühren von den Lappen her und wurden auf diese Weise erlangt.

Im waadtländischen Jura steht die Wolfsjagd, laut Tschudi, einer bestimmten Gesellschaft zu, welche ihre Beamten, Sitzungen und Gerichtsbarkeit hat. Posaunen verkünden den Tod eines Wolfes im Dorfe; sodann folgt auf Kosten seines Pelzes ein großes Fest, und dabei wird derjenige, welcher den Befehlen des Führers zuwider gehandelt hat, mit Wassertrinken bestraft und mit strohernen Ketten gebunden. Da man nur dann Mitglied der Gesellschaft werden kann, wenn man bereits drei glückliche Wolfsjagden mitgemacht hat, pflegen die Väter schon kleine Kinder auf dem Arme zur Wolfsjagd mitzunehmen.

Der größte Nutzen, welchen wir vom Wolfe ziehen können, besteht in Erbeutung seines Winterfelles, welches, wie bekannt, als gutes Pelzwerk vielfach angewendet wird. Die besten und schönstem Felle kommen, nach Lomer, aus Skandinavien, dem nördlichen Rußland, Sibirien und dem Norden Chinas und werden mit 10 - 25 Mark bezahlt,; die aus den übrigen Ländern des europäischen Verbreitungsgebietes stammenden Felle gelten bloß 3 - 8 Mark. Rußland und Sibierien liefern jährlich 20 - 25,000 Stück in den Handel. Außerdem gewähren alle Regierungen noch ein besonderes Schußgeld für den getöteten Wolf, gleichviel ob derselbe erschossen, erschlagen, gefangen oder vergiftet worden ist. Außer dem Pelze verwendet man aber auch die Haut hier und da zu Handschuhen, Pauken- und Trommelfellen. Das grobe Fleisch, welches nicht einmal die Hunde fressen wollen, wird bloß von den Kalmücken und Tungusen gegessen.

In Spanien, wo das Fell, wie erklärlich, keinen großen Wert hat, macht sich der Jäger auf andere Weise bezahlt. Sobald er nämlich einen Wolf erlegt hat, ladet er denselben auf ein Maultier und zieht nun mit diesem von Dorf zu Dorf, zunächst zu den größeren Herdenbesitzern, später aber, nachdem der Wolf vielleicht bereits ausgestopft worden ist, auch von Haus zu Haus, zum größten Entzücken der lieben Jugend. Die größeren Herdenbesitzer bezahlen bedeutende Summen für einen erlegten Wolf: und somit kann es kommen, daß der Jäger, vom Glücke begünstigt und seinen Vorteil auszunutzen versteht, unter Umständen eine verhältnsimäßighohe Summe einheimst.

Eher als Rohrwolf und Tschango scheint sich der über die ganze Nordhälfte Amerikas verbreitete Wechselwolf oder Falbwolf (Canis [Lupus] occidentalis, Canis griseus, albus, rufus, ater, variabilis, gigas, nubilus, mexicanus) als eine Art herauszustellen, obschon dies noch keineswegs erwiesen ist. Das Tier soll stämmiger gebaut sein, eine dickere und stumpfere Schnauze, größeren und rundlicheren Kopf, kürzere und spitzere Ohren haben, und mit dichteren, längeren und weicheren Haaren bekleidet sein als unser Wolf; alles dies aber sind Unterscheidungsmerkmale von zweifelhaftem Werte. Die Färbung des Pelzes durchläuft wie bei unserem Wolfe alle Schattirungen von Falbweiß durch Fahlrot bis zu Schwarz: ich habe deshalb den ihm vom Prinzen von Wied beigelegten Namen (variabilis) zu seiner deutschen Benennung gewählt; vielfach wird er auch Timberwolf genant. Seine Verbreitung erstreckt sich von Mexiko an nordwärts über das Festland und benachbarte Inseln, mit Ausnahme der Königin Charlotte-Inseln im Nordwesten. Heimisch ist er ferner auf den im Norden des Festlandes gelegenen Inseln und ebenso in Westgrönland, während er in Ostgrönland zu fehlen scheint.

Der Wechselwolf ähnelt seinem östlichen Verwandten in jeder Hinsicht, bekundet dasselbe Wesen, dieselbe Kraft, Frechheit und Feigheit wie jener. Im Käfige macht er die sonderbarsten Bewegungen und flüchtet sich gewöhnlich furchtsam in die Ecken, wagt auch nie, seinen Wärter anzugreifen. Dieses Betragen zeigt er am ersten Tage seiner Einkerkerung. Ein Landwirt, so erzählt Audubon als Augenzeuge, welcher sehr viel von diesen Strolchen auszustehen gehabt hatte, legte endlich mehrere Gruben um seine Besitzungen an. In die eine waren eines Tages drei große Wölfe gefallen, zwei schwarze und ein gefleckter. Zum nicht geringen Erstaunen aller ging der Pächter ruhig in die Grube, packte die Wölfe an den Hinterläufen, als sie zitternd auf dem Boden lagen, durchschnitt mit seinem Messer die Achillessehnen, um die Tiere an der Flucht zu hindern, und tötete sie erst dann mit größter Ruhe. Freiherr von Thielmann bezeichnet diesen Wolf ausdrücklich als vollkommen ungefährlich für den Menschen, wenigstens nach seinen Erfahrungen in den Vereinigten Staaten von Nordamerika und Mexiko.

Nach Lomer stehen die großen Felle aus Labrador am höchsten im Werte: schwarze, bläuliche und reinweiße gelten 60 - 100 Mark, gewöhnliche graue 20 - 25 Mark, die aus den Gegenden der Hudsonbai stammenden werden mit 10 - 25 Mark bezahlt. Es kommen jährlich etwa 10 - 15,000 Stück in den Handel, wobei freilich,wie es scheint, die Felle vom Heul- oder Prairiewolfe mit inbegriffen sind.

Eine ähnliche Rolle wie unser Wolf in seinem Wohngebiete spielt in ausgedehnten, jenseits des Indus gelegenen Ländern der indische Wolf, der Bighana, Bagyar, Landga der Eingeborenen (Canis [Lupus] pallipes), der merklich kleiner als der unsere, bei einer Schulterhöhe von 65 cm nur eine Gesamtlänge von etwa 130 cm erreicht, wovon 40 cm auf den Schwanz entfallen. Das Gewicht eines weiblichen Tieres wurde zu 20 kg bestimmt. Seine Färbung ist in der Regel bräunlicher als die seines Verwandten und schwankt von Graurot mit bräunlichem Anfluge bis fast zu Rostrot, obwohl diese Schattierung verhältnismäßig selten vorkommt. Bei manchen Stücken ist der Rücken viel dunkler, bei allen die Unterseite schmutzig weiß gefärbt.

Die Verbreitung des indischen Wolfes ist auf Vorderasien beschränkt, er fehlt jedoch der Malabarküste und dem Himalaja, wird auch nicht auf Ceylon gefunden. In Unterbengalen ist er selten, weiter ostwärts unbekannt, auch scheint er bloß ausnahmsweise westlich vom Indus aufzutreten, also in das Verbreitungsgebiet des gemeinen Wolfes einzudringen. Mit Vorliebe haust er in ebenen, dürftig bewachsenen Landschaften, tritt jedenfalls in hügeligen und bewaldeten Gegenden weit seltener auf. Blanford, der eingehend über ihn berichtet, nennt sein Wesen und Treiben sehr ähnlich dem des gemeinen Wolfes, nur soll er niemals in so zahlreichen Meuten wie dieser, sondern höchstens zu 6 und 8 Stück vereint umherschweifen, auch um vieles stiller sein; wenigstens wird sein Geheul sehr selten vernommen. Jerdon führt an, daß er manchmal wie die Pariahunde Laut gebe. Seine Nahrung besteht in allem Getier, das er bewältigen kann; doch zeigt er eine entschiedene Vorlieb für Antilopen, Schafe und Ziegen, nimmt dabei auch Hasen wie Füchse und soll sich gelegentlich sogar über Rinder hermachen. Hunde sind durch ihn sehr gefährdet, ebenso, nach vielen einmütigen Zeugnisse, auch Kinder und gelegentlich sogar erwachsene Personen. Nach den amtlichen Angaben sind in den 10 Jahren von 1877 - 86 in Indien 3804 Menschen durch diese Wölfe getötet worden, und zwar betrug der höchste Jahresverlust (1878) 845, der niedrigste (1886) 222 Personen.

Bei ihren Jagden gehen auch die indischen Wölfe sehr klug und listig, manchmal auch recht frech zu Werke. Blanford sah einen am hellen Tage eine junge Ziege mitten aus einem Dorfe rauben und trotz der ihn sofort verfolgenden Dörfler glücklich davontragen. Als schnelle und ausdauernde Läufer betreiben sie auch Hetzjagden, versuchen jedoch zunächst durch schlau durchgeführte Anschläge sich wesentliche Vorteile zu sichern. So sollen sie sich unfern von äsenden Antilopen geduldig auf die Lauer legen, bis die ahnungslosen in ihre unmittelbare Nähe kommen, auch das verfolgte Wild nach Stellen treiben, wo sich zuvor einige Gefährten versteckt haben; ja, es wird erzählt, daß ein Stück aus einem Rudel, während die übrigen sich ringsum verbergen, in Sicht von Antilopen sich auf den Rücken lege und mit den Läufen zappele, auch sonst allerlei Mätzchen mache, bis das neugierige Wild herankommt, zu sehen, was sich da begebe, und dann von verschiedenen Seiten her überfallen werden kann. Nach Elliot spielen die schlauen und unter Umständen sehr verwegenen Tiere auch den Schafherden trotz Hirten und Hunden sehr übel mit. Ein Teil der Meute verlockt durch einen Scheinangriff und feiges Ausreißen die Hirtenhunde zu wütender Verfolgung, während der andere Teil im günstigen Augenblicke in die Herde einbricht, niederreißt, würgt und davonschleppt, was zu erlangen ist. Auch die Menschenjagd, wenigstens die auf Kinder im alter bis zu 10 und 12 Jahren, scheinen sie manchmal ganz planvoll auszuführen. Forsyth besuchte ein Dorf in Mittelindien, wo zwei Wölfe bereits seit Monaten eine regelrechte und leider auch ergiebige Jagd auf Kinder betrieben hatte. "Ihr Angriffsplan", erzählt Forsyth, "war einfach und gleichförmig. Das Dorf lag auf einem Hügelhange, an dessen Fuße sich ein Wasserbett mit dicht bebuschten Ufern hinschlängelte. Die Hauptstraße der Ortschaft, in welcher die Kinder zu spielen pflegten, führte am Gehänge hinab. Während nun der eine und schwächere Wolf sich im Gestrüpp unten zwischen den letzten Hütten und dem Wasserlaufe versteckte, schlich sich der andere auf die Höhe des Hügels, überwachte die Straße und durchlief sie, die günstige Gelegenheit wahrnehmend, mit Windeseile, dabei ein Kind aufgreifend und mit ihm im Dickicht am Bachbette verschwindend. Anfangs hatten die Dörfler den Räuber verfolgt und einige Male das Opfer ihm abgejagt; da sich aber ergab, daß dieses meist schon tödlich verwundet war, und da es zudem dem zweiten, auf der Lauer liegenden Wolfe bei der allgemeinen Verwirrung fast regelmäßig gelang, doch noch ein zweites Kind zu erbeuten, ergaben sich die Hindu darein, ihre Nachkommenschaft auf solche Weise gelichtet zu sehen. Am Morgen des Tages meiner Ankunft war wiederum ein Kind vor den Augen der Leute geraubt worden. Unglaublich wie es klingen mag; erst nach langen Bemühungen konnte ich die nötige Anzahl Personen zusammenbringen, um das Dickicht abzutreiben, in welchem die Wölfe sich an dem Kinde gütlich thaten." Es gelang Forsyth gleich nach Beginn des Treibens, die beiden sicher gewordenen Wölfe, offenbar Mutter und Sohn, aus nächster Nähe niederzustrecken. Daß dieser Fall nicht vereinzelt dasteht, bezeugt u. a. auch Sir Walter Elliots Bericht, wonach aus einer Ortschaft über 30 Kinder nacheinander von Wölfen geraubt wurden. Wenn Eingeborene, die doch den lästig gewordenen Tiger unschädlich zu machen wagen, zögern, sich von derartig ausgebildeten menschenfressenden Wölfen zu befreien, werden wir den Grund weniger in Furcht und Lässigkeit, als vielmehr in Aberglauben zu suchen haben. Theobald hat auch Blanford mitgeteilt, daß in vielen Gegenden Indiens der Glaube gäng und gäbe sei, wenn auf der Gemarkung eines Dorfes ein Wolf getötet werde, ginge dem Gelände jegliche Fruchtbarkeit verloren.

Außer den Jagdkünsten und listigen Anschlägen, die von zuverlässigen Gewährsmännern vom indischen Wolfe berichtet werden, fehlt es auch nicht an Mitteilungen, die uns berechtigen, ihm nicht nur Verwegenheit, sondern auch Mut zuzusprechen. So nimmt er z. B. vor gut eingejagten Windhunden bisweilen nur eine kurze Strecke weit Reißaus, rafft sich dann auf, wendet um und treibt nun seinerseits die Hunde zu ihrem Herrn zurück. So erzählt unter anderem Jerdon und fügt hinzu, daß einmal ein Wolf sich sogar seinen Windhunden, die einen Fuchs hetzten, angeschlossenen habe. Glücklicherweise habe die Jagd ein schnelles Ende gehabt, sonst hätte er für seine Hunde fürchten müssen; ohnehin sei es nicht leicht gewesen, den unberufenen Teilnehmer zu verscheuchen.

Die Fortpflanzungszeit des indischen Wolfes fällt in die letzte Hälfte des Jahres; dieTragzeit ist unbekannt. Nach Bonavia wirft die Wölfin in einer Röhre oder Höhle im Oktober bis Dezember, hauptsächlich aber im letzten Monate, 3 - 8 Junge. Diese werden blind und mit hängenden Ohren geboren und sind sehr leicht zu zähmen; sie begatten sich auch mit Haushunden. Blanford ist der Ansicht, daß der gemeine indische Haushund zum Teile vom Wolfe, größtenteils aber vom Schakale abstamme. Auch in Indien sind Geschichten im Umlaufe und werden von Sleeman, Sterndale, Ball, Murchison u.a. nacherzählt, des Inhaltes, daß kleine Kinder von Wölfen geraubt und gepflegt worden seien. Etliche Fälle erscheinen allerdings umständlich beglaubigt, aber für alle fehlen überzeugende Beweise. Nach Blanford sollen alle diese Kinder Knaben und zugleich Idioten gewesen sein.

Der Wolf Teil 3

Der Wolf Teil 1
Der Wolf Teil 2
Der Wolf Teil 3
Der Wolf Teil 4
Der Wolf Teil 5
Der Wolf Teil 6
Der Wolf Teil 7
Der Wolf Teil 8
Der Wolf Teil 9
Der Wolf Teil 10
 
Pressemitteilung des SDWI

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